Forschung

Forschungsinteressen

  • Technik- und Umweltgeschichte Deutschlands und Europas im 19. und 20. Jahrhundert
  • Energiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, respektive: Erneuerbare Energien und „Energielandschaften“ in der Geschichte
  • Flussgeschichten (Stadt-Fluss-Interaktionen)
  • Stoff- und Objektgeschichten

 

Promotionsprojekt

„Viele Wenige machen ein Viel“ – Eine Kleingeschichte der Wasserkraft im 19. und frühen 20. Jahrhundert

(Disputation am 14.11.2016; Note: summa cum laude)

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert trat eine fortschrittsgläubige Ingenieursriege in den Vordergrund, die in den noch jungen Möglichkeiten der Turbinisierung der Wasserkraft zur Stromerzeugung – der Weißen Kohle – den Ausgangspunkt einer neuen energiewirtschaftlichen Ära erkannte. In dem Streben dieser Hydro-Enthusiasten nach einer rationellen Verwertung der schier unversiegbaren – weil regenerierbaren – Kraftpotentiale avancierten die althergebrachten hydraulischen Antriebsformen rein mechanischer Art schnell zum exakten Gegenentwurf dieser hydroelektrischen Zukunftsvisionen. In den Fachdebatten namhafter Elektro-, Wasserbau- oder Maschinenbauingenieure traten die dezentralen Kleinmühlen mit Wasserradantrieb vielleicht noch als Relikt eines technologisch überholten Zeitalters – als ein überlebter Anachronismus – in Erscheinung. Als eine zeitgemäße Antriebstechnik nahmen die tonangebenden Wasserkraftexperten diesen traditionellen Kraftspender mechanischer Antriebsenergie allerdings längst nicht mehr ernst. In den euphorischen Ingenieursdiskursen um die Weiße Kohle deutete Vieles darauf hin, dass der Aufstieg der hydroelektrischen Großtechnik und der verwissenschaftlichten Turbinenforschung den Abgang des Wasserrades von der Bühne der vorherrschenden hydraulischen Antriebsmaschinen endgültig besiegelt hätte.

Nicht nur die frühen rekonstruierenden Ingenieurshistoriker fanden an dieser teleologischen Fortschrittserzählung der konstruierenden Ingenieursriege Anschluss. Auch viele der späteren geisteswissenschaftlich ausgebildeten und kritischen Technik- und Wirtschaftshistoriker/innen legitimierten und verstärkten diese bis heute fortwirkende Einschätzung des technischen Wandels, es hätte einen ‚one best way‘ gegeben, dem die konstruktiv-technische Entfaltung der Wasserkrafttechnik in einer chronologischen Entwicklungslogik – vom vermeintlich alten Wasserrad- zum modernen Turbinenantrieb – gefolgt sei. In den einschlägigen historischen Arbeiten zu dieser Energieform finden die „old technologies“ (David Edgerton) der Wasserkraftgeschichte als relevante Antriebsmaschinen des Turbinen- und Elektrizitätszeitalters zumindest keine Beachtung.

Die Kleingeschichte der Wasserkraft fordert die fortschritts- und innovationsorientierten Narrative der klassischen Wasserkrafthistoriografie heraus. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass das verbreitete Geschichtsbild einer linearen Genealogie der Wasserkrafttechnik zwar Perzeptionsphänomene der Vergangenheit sowie eine diese Perzeption spiegelnde Geschichtsschreibung abbildet; keineswegs aber die tatsächlichen Entwicklungsdynamiken entlang der Wasserläufe reflektiert oder die Dimensionen der täglichen Technikanwendung einfängt. Auf drei analytischen Ebenen wirft die Forschungsarbeit einen Blick hinter die Kulissen der wirkmächtigen Fortschritts- und Innovationsgeschichten des 20. Jahrhunderts, um den Seiten- und Umwegen in der konstruktiv-technischen Entfaltung klein dimensionierter Antriebsmaschinen nachzugehen und jene Technologievarianten aus ihrer Versenkung zu holen, die rechts und links neben den bis heute breit rezipierten Entwicklungspfaden aufkamen oder parallel weiterexistierten. Im Anschluss an die skizzierte historiografiegeschichtliche Auseinandersetzung werden in einem zweiten Abschnitt zunächst die hinter den ingenieurswissenschaftlichen Fachdebatten weit zurückstehenden Diskurse einer anwenderbezogenen Expertenrunde aufgedeckt, die in ihren Fachbeiträgen um 1900 die Handlungen und Bedürfnisse der Anlagenbauer und Energienutzer vor Ort adressierten – die Antriebstechnik demnach in ihren praktischen Einsatzfeldern verorteten.

In einem dritten Abschnitt wendet sich die Arbeit einer konkreten Flusslandschaft zu und fragt auf lokaler Maßstabsebene nach den kontextgebundenen Anwendungsbezügen dieser Energieform am Ort des Technikeinsatzes. In einer vom Glauben an den eigendynamischen technischen Fortschritt bestimmten Zeit wird der Historiker schließlich kaum über eine Erfolgsgeschichte der turbinengetriebenen hydroelektrischen Großbauten bzw. der Geschichte technischer Sachzwänge hinauskommen, wenn er in seiner Analyse ausschließlich diskursorientiert argumentiert. Über die selektiven Wege der Technikaneignung entschieden eben nie nur die in den Ingenieursdiskursen prononcierten technisch-ökonomischen Effizienzkriterien. Die Adaptionsleistungen dieser höchst anpassungsbedürftigen sozionaturalen Schnittstellentechnologie sind erst zu durchdringen, wenn man ihnen vor Ort und in ihren komplexen Verstrickungen mit den betrieblichen Anforderungen wie auch mit der biophysischen Struktur des energietechnischen Umfeldes nachgeht. In dieser Logik sensibilisiert der kleingeschichtliche Bezugsrahmen für die kontextualisierte Geschichtlichkeit der Kleinwasserkrafttechnologie und damit für den in der modernen Kulturgeschichte der Technik akzentuierten Bereich des „technology in use“. Der lokale Ausschnitt liefert zudem Ansatzpunkte, die Wasserkraftgeschichte in den Jahrzehnten um 1900 multiperspektivisch auszuleuchten. Er entwirft eine Kontrastfolie zu den übergeordneten techno-ideologischen Leitbildern und ermöglicht es, sich in der historischen Analyse von den übermächtigen und habituell gewordenen Deutungsmustern zu lösen.

Die Fortschritts- und Modernisierungsgeschichten, die Zeitgenossen und Historiker im Laufe des 20. Jahrhundert um die Energiequelle Wasser strickten, verstellten nicht nur den Blick für die Durchsetzungsfähigkeit innovativer Errungenschaften. Sie lenkten auch bis zuletzt davon ab, dass dahinter weit zurückstehende – mancherorts sogar traditionelle und moderne Techniken kombinierende – Antriebsformen entlang der Flüsse und Bäche verbreiteter sein konnten, als es uns in der Rückschau erscheint. Weder in Wissenschaft und Forschung noch in den praktischen Anwendungsfeldern ging die um 1900 aufkeimende Euphorie um die Weiße Kohle mit einer Verdrängung altbewährter Antriebsformen einher. Nicht nur die in den Wasserbaulaboratorien forschenden Turbinenwissenschaftler knüpften nach 1900 an dem tradierten Erfahrungswissen der handwerklich-intuitiven Wasserrad- und Mühlenbaukunst an, um Optimierungen und Modifikationen im Turbinenbau einzuleiten. Etwa zeitgleich meldeten im Wasserradbau fachkundige Maschinenwissenschaftler ein Interesse an, den traditionellen Wasserradantrieb in die Forschungspraxis zurückzuführen, indem sie verschiedene Ausführungsformen zum Gegenstand ihrer experimentellen Versuchsreihen erhoben. Ingenieure und Konstrukteure brachten in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts ein facettenreiches Repertoire hybrider Antriebsformen zur Ausführung, die in ihren Bauplänen Wissensformen und Konstruktionsprinzipien vereinigten, die sowohl auf die handwerklichen Traditionen des klassischen Anlagen- und Wasserradbaus als auch auf das verwissenschaftlichte Wissen der noch jungen Turbinenforschung zurückführen. In der vertiefenden Auseinandersetzung mit der Detailausführung klein dimensionierter Wasserkraftmaschinen wird deutlich, dass Neuerungen in diesem Technikfeld nie einfach aus dem Nichts entstanden, sondern geschichtlich höchst voraussetzungsvolle Phänomene waren. Die vertiefende Auseinandersetzung mit der Detailausführung diverser Wasserrad- und Turbinenmodelle deckt auf: Die konstruktiv-technische Entfaltung der Kleinwasserkrafttechnologie kennzeichneten viel eher fließende Übergänge und diffuse Prozesse als die bis in die Gegenwart proklamierten eindimensionalen Pfade und scharfen Brüche.

Unbenannt

Abb. 1: In den 1920er Jahren führte der Maschinenbauprofessor Anton Staus das Wasserrad als Forschungsgegenstand wasserkrafttechnischer Experimentalreihen in die technikwissenschaftliche Praxis ein, indem er in seinem Esslinger Wasserbaulaboratorium die Versuchsturbine gegen ein oberschlächtiges Wasserrad austauschte (links). In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gelangten eine Reihe von Wasserrad-Turbine-Hybride zur Ausführung, die sich in ihren Bauplänen einer simplen Typologisierung in das ‚antiquierte‘ Wasserrad und die ‚moderne‘ Turbine widersetzten. So auch der hier abgebildete Hydrovolvenkleinmotor, den der Münchener Konstrukteur Frank Kirchbach 1905 entwickelte.

 

In den naturräumlich prädestinierten Alpen- und Mittelgebirgsregionen blieben Wasserräder in zahlreichen Mahlmühlen, Schleifereien und sogar Elektrizitätswerken bis weit in die Zwischenkriegszeit der wichtigste Kraftspender zur Verwertung des lokal verfügbaren Energieangebots. Flankierten den energietechnischen Standort in der Wasserkraftpraxis Einflussfaktoren, die einer Betriebsführung am theoretisch optimalen Wirkungspunkt Grenzen setzten, so war die unter Besitzern kleiner Wasserkraftanlagen in jenen Tagen viel diskutierte Frage „Wasserrad oder Turbine?“ immer noch nicht in pauschaler Form zugunsten der Turbinentechnik zu beantworten. In Einzelfällen führte der Techniktrend in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts sogar von der Wasserturbine zum antiquierten Wasserrad zurück, wenn dieses unter den vorherrschenden Steigungs- und Strömungsverhältnissen eine höhere Energieausbeute bereitzustellen versprach. Die technologische Persistenz, die sich in dieser Forschungsarbeit auf verschiedenen Ebenen andeutet, entzieht sich einer bis in die Gegenwart verbreiteten Auffassung vom Wasserrad als dem typischen Vertreter einer energiegeschichtlich ‚grauen Vorzeit.‘

Beiträge

Abb. 2: Noch in den 1920er Jahren drehten sich in kleinen Säge- und Mahlmühlen, Hammerwerken und Schleifkotten entlang kleiner Bäche und Ströme in den naturräumlich prädestinierten Mittelgebirgs- und Alpenregionen weitaus mehr Wasserräder als Wasserturbinen (Beiträge zur Statistik Bayerns, Heft 107).

 

Die Kleingeschichte der Wasserkraft greift diese historiografische Leerstelle zwischen der Ideenwelt um diese Energietechnik und ihren orts- und kontextgebundenen Anwendungsbezügen auf und schlägt im Anschluss an praxeologische und nutzerorientierte Zugänge der Technik-, Wissenschafts- und Umweltgeschichte einen Ansatz vor, der in der Technikgeschichte dieser Energieform durch und durch klein argumentiert. Das Beispiel ist gerade wegen seiner scheinbaren Irrelevanz dazu geeignet, um für ein abgestecktes Technikfeld zu demonstrieren, wie sich die Frage nach der kontextualisierten Geschichtlichkeit beantworten lässt. Die Dissertation macht damit einen Ausschnitt unserer technischen Kultur in der Moderne sichtbar, der unter den wirkmächtigen fortschritts- und innovationszentrierten Narrativen des 20. Jahrhunderts bis heute unentdeckt geblieben ist.